Schutzhaus und Zeltplatz am Michelsberg.© Eckhart Matthäus
Das Rotary Schutzhaus am Michelsberg ist ein kreislauffähig konzipiertes Holzgebäude für Kinder- und Jugendgruppen. Es liegt am Rand eines Zeltplatzes im Landkreis Dillingen, eingebettet zwischen Waldrand und Lichtung. Als offenes, nutzungsflexibles Einraumsystem bietet es rund 110 m² geschützten Aufenthaltsraum für bis zu 130 Personen und kann auf beiden Längsseiten nahezu vollständig zur umgebenden Landschaft geöffnet werden. Eine umlaufende, gedeckte Terrasse erweitert den Innenraum und schafft einen fließenden Übergang zwischen Gebäude und Natur.
Entwickelt wurde das Schutzhaus als Demonstrator für reversibles und kreislauffähiges Bauen im Holzbau. Ziel war es, ein real nutzbares Gebäude zu schaffen, dessen Konstruktion vollständig rückbaubar ist und dessen Bauteile zerstörungsfrei demontiert und wiederverwendet werden können. Architektur, Tragwerk und Detaillösungen wurden von Beginn an gemeinsam gedacht und in enger Zusammenarbeit zwischen Hochschule, Forschung und Holzbaupraxis umgesetzt.
Projektbeteiligte
Bauherrschaft:
Markt Bissingen
Architektur & Entwurf:
Lehrstuhl für Architektur und Holzbau, Prof. Stephan Birk,
Technische Universität München
Hannah Gumpp, Stefan Pielmeier (Studierende)
Tragwerk & Forschungsbegleitung:
t-lab Holzarchitektur und Holzwerkstoffe, Prof. Dr.-Ing. Jürgen Graf,
Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau
Boran Hao, Wenchang Shi, Viktor Poteschkin
Holzbau & Umsetzung:
Gumpp & Maier GmbH, Binswangen
Alexander Gumpp, Sebastián Hernández, Alfred Bühler, Samuel Oppold
Entwurf und Realisierung: 2024–2025
Fotograf: Eckhart Matthäus
Ort, Nutzung und Raumkonzept
Das Rotary Schutzhaus wurde als wettergeschützter Aufenthaltsort für Kinder- und Jugendgruppen konzipiert, die den angrenzenden Zeltplatz nutzen. Es bietet Schutz bei Regen und Hitze, Raum für gemeinschaftliche Aktivitäten und einen klaren Bezug zur umgebenden Landschaft. Die Lage am Übergang von Waldrand zur Lichtung prägt den Charakter des Gebäudes: Das Schutzhaus versteht sich nicht als abgeschlossener Raum, sondern als offenes Bauwerk inmitten der Natur.
Innenraum des Schutzhauses. Blick auf die Funktionszone.© Eckhart Matthäus
Der Innenraum ist als großzügiges Einraumsystem ausgebildet. Große Flügeltüren auf beiden Längsseiten ermöglichen es, das Gebäude nahezu vollständig zu öffnen. So kann der Raum je nach Nutzung, Wetter und Jahreszeit flexibel angepasst werden – vom geschlossenen Schutzraum bis zur offenen, durchlüfteten Halle. Die Konstruktion tritt dabei nicht in den Vordergrund, sondern unterstützt die räumliche Offenheit und Nutzungsflexibilität.
Grundriss, Querschnitt und die Explosionsaxonometrie. © Hannah Gumpp, Stefan Pielmeier
Eine klar organisierte Funktionszone nimmt dienende Bereiche wie Sanitär-, Lager- und Technikflächen auf. Diese Raumschicht ist dem offenen Hauptraum zugeordnet, ohne ihn zu dominieren. Umlaufende Dachüberstände bilden eine gedeckte Terrasse, die als Zwischenraum funktioniert: Sie dient der Erschließung, erweitert den Aufenthaltsbereich nach außen und schafft einen geschützten Ort zwischen Gebäude und Landschaft.
Architektonisch ist das Schutzhaus als klar gegliederte, gut ablesbare Struktur entworfen. Materialität, Konstruktion und Nutzung stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang und sind für die Nutzerinnen und Nutzer nachvollziehbar. Die architektonische Gestaltung konzentriert sich auf eine klare räumliche Organisation, während die konstruktive Ausarbeitung bewusst differenziert erfolgt.
Architektur und Tragwerkskonzept
Innenraum des Schutzhauses und die Flügeltüren zur Terrasse.© Eckhart Matthäus
Das Schutzhaus ist als elementiertes Holzskelett konzipiert, bei dem Architektur und Tragwerk von Beginn an zusammen gedacht wurden. Der konstruktive Aufbau folgt einer klaren Hierarchie: Gründung, Tragwerk, Aussteifung und Ausbau sind eindeutig voneinander getrennt und logisch aufeinander abgestimmt. Alle Bauteile sind vorgefertigt und über reversible Verbindungen miteinander gefügt. Ziel dieser konstruktiven Ordnung ist nicht die Reduktion von Komplexität, sondern deren gezielte Verlagerung: Die räumliche Struktur bleibt übersichtlich und gut lesbar, während sich die konstruktive Präzision in der Fügung der Bauelemente konzentriert.
Gründung und Bodenaufbau
Gründung als aufgeständerte Stahlrostkonstruktion.© Eckhart Matthäus
Die Gründung erfolgt über einen stählernen Trägerrost, der auf Betonfundamenten lagert. Darauf ist eine aufgeständerte Bodenplatte aus Brettsperrholz angeordnet, die als Kriechkellerkonstruktion ausgebildet ist. Diese Trennung von Fundament, Stahl- und Holzbauteilen erlaubt eine klare Materialzuordnung und einen zerstörungsfreien Rückbau der Stahl- und Holzelemente.
Tragwerksprinzip
Baustelle: Aufrichten der Kreuzstützen und Einhängen der Sparren-Zugband-Binder in die Zangenkonstruktion. Lagesicherung durch Konusmuffen
Das Tragwerk ist als regelmäßig gegliedertes Holzskelett ausgebildet, das den Innenraum stützenfrei überspannt und die Lasten über klar ablesbare Stützen in die Gründung ableitet. Die Tragstruktur bleibt sichtbar und prägt den Raumeindruck, ohne den Innenraum funktional zu beschränken.
Wände, Dach und Aussteifung
Die Wände sind als vorgefertigte Holztafelbau- und Brettsperrholzelemente ausgebildet. Sie übernehmen sowohl raumbildende als auch aussteifende Funktionen. Das Dach besteht aus auf den Bindern liegenden Pfetten- und Aufsparrenkonstruktionen. Plattenförmige Holzwerkstoffe bilden die Dachscheiben, über die horizontale Lasten abgetragen werden. Mit zunehmender Bauteiltiefe steigt der Vorfertigungsgrad: Wand- und Dachelemente werden inklusive Bekleidungen, Dämmung und gefräster Anschlüsse im Werk hergestellt und auf der Baustelle montiert.
Reversibles Fügen und Wiederverwendung
Ein zentrales Konstruktionsprinzip ist das reversible Fügen. Die Konstruktion ist darauf ausgelegt, ganze Bauteile und Bauelemente demontieren, prüfen, ertüchtigen, reparieren und an anderer Stelle wiederverwenden zu können. Die werkstoffreine Trennung der Materialien ist gegeben.
Konstruktive Ausarbeitung und Fügetechnik
Auskragendes Ende des Sparren-Zugband-Binders über der Terrasse.© Eckhart Matthäus
Die Holzkonstruktion des Gebäudes besteht aus Sparren-Zugband-Bindern in den Hauptachsen im Abstand von 2,50 m. Die Binder lagern auf Kreuzstützen auf . Der mittlere, lastabtragende Teil der Kreuzstütze wird auf 15 mm dicken Stahlplatten gelagert und mit mittig positionierten Gewindestangen, die in der Stütze und am Stahlrost verankert sind, kraftschlüssig biegesteif vorgespannt.
Konstruktionsdetails und reversible Anschlüsse der Bauelemente.© t-lab
Die Lagerung der Binder erfolgt über die Zangenstütze, zwei BSH-Stützen 14/10 cm, die mit der mittleren Stütze durch Scheibendübel aus Kunstharzpressholz (KP) lösbar verbunden sind. Fixiert werden die Binder über sichtbare Konusdübel aus KP.
Die Binder spannen 12 m weit, die beidseitige Auskragung beträgt 1,50 m. In den Fassadenachsen liegen die Kreuzstützen und auch die Zwischenstützen zwischen Sparren und Zugband. Zum Zugband sind die Zwischenstützen durch neuartige Doppelkonusdübel aus KP lagefixiert, zum Sparren hin ist ein Treppenversatz als Verbindung eingefräst. Auf den Sparren sind Pfetten und Aufsparren durch Scheibendübelverbindungen aus KP reversibel aufgeschraubt. Dreischichtplatten, Pfetten und Aufsparren bilden auf beiden Dachhälften die Dachaussteifung. Die Kraftübertragung von Sparren (diagonaler Druck) zum Zugband (horizontaler Zug) erfolgt vertikal über Querkraft auf das Zugband und horizontal über 15 mm tiefe Schubnocken. Die Schubnocken sind lagesichernd und abhebesichernd mit neuartigen Einschraub-Konusmuffen unverschieblich verbunden.
Alle Holztafelbauwände wurden mit innerer und äußerer Bekleidung sowie der tragenden mittleren Schicht samt Dämmung im Werk vorgefertigt. Auch alle Fügestellen wurden werkseitig gefräst. Holztafelbauwände in Längsrichtung und in Querrichtung an den Giebelwänden steifen das Gebäude zusammen mit den BSP-Wänden in Achse 2 aus.
Montage der Wandelemente.© Eckhart Matthäus / t-lab
Die Holztafelbauwände werden zur Schubkraftübertragung einfach auf neuartigen Doppelkonusdübel aus KP formschlüssig aufgesetzt. Vertikale Anschlüsse der Giebelwand mit den Querwänden der Funktionsebene werden mit reversiblen Konusdübeln aus KP realisiert.
Wandelementstoß und Adapterplatte mit Konusdübeln.© Eckhart Matthäus / t-lab
Dazu ist stirnseitig an die Querwände eine 60 mm dicke BSP-Platte, mit in vertikaler Richtung versetzten Konusdübeln aus KP, biegesteif angeschraubt. Mit der beidseitig 173 mm auskragenden BSP-Platte wird die Giebelwand mit Konusdübeln aus KP schubfest angeschraubt. Die Hauptaussteifungswand in Gebäudequerrichtung ist die in zwei Wandabschnitte geteilte BSP-Wand in Achse 2.
Anschluss Wand-Boden mit Vorspannung und Schubnocken.© Eckhart Matthäus / t-lab
Beide Wandabschnitte sind horizontal zu lagern und gegen Abheben zu sichern. Die BSP-Wände wurden dazu mit dem Trägerrost je Wandabschnitt durch zwei trapezförmige Schubnocken aus Stahl formschlüssig verbunden. Abheben wird durch kraftschlüssig vorgespannte Gewindestangen entgegengewirkt. Vorgespannt wird zwischen den stählernen Schubnocken und Öffnungen in den BSP-Wänden.
Forschung und Umsetzung in die Praxis
Das Rotary Schutzhaus ist nicht als isoliertes Experiment entstanden, sondern als Weiterentwicklung zuvor realisierter, gebauter Forschung. Mit der Werk- und Forschungshalle in Diemerstein wurde erstmals ein Gebäude realisiert, in dem grundlegende Prinzipien des kreislauffähigen Holzbaus im Maßstab 1:1 umgesetzt wurden. Das Schutzhaus am Michelsberg knüpft an diese Erfahrungen an und führt sie in einer konstruktiv schlankeren und stärker praxisorientierten Ausprägung weiter. Ziel war es, die gewonnenen Erkenntnisse zu konsolidieren und unter realistischen Rahmenbedingungen eines kommunalen Bauvorhabens anzuwenden, ohne die grundlegenden Prinzipien von Reversibilität, Vorfertigung und Wiederverwendung ganzer Bauteile aufzugeben.
Im Mittelpunkt stand dabei nicht die Entwicklung einzelner spektakulärer Details, sondern das Zusammenspiel von Tragwerkskonzept, Fügetechnik und Bauprozess. Die konstruktive Ausarbeitung konzentriert sich gezielt in den Fügestellen, während das Tragwerk als klar strukturiertes System ausgebildet ist. Auf diese Weise verbindet das Projekt konstruktive Präzision mit planerischer Verständlichkeit. Als realisiertes Bauvorhaben zeigt das Schutzhaus, dass kreislauffähiges Bauen im Holzbau unter realen Bedingungen umsetzbar ist. Die Wirkung liegt weniger im einzelnen Detail als im gebauten Nachweis, dass ein anderer Umgang mit Materialien und Lebenszyklen praktikabel ist. Reversibilität und Wiederverwendung erweisen sich dabei nicht als Zusatzanforderung, sondern als integraler Bestandteil des Entwurfs- und Planungsprozesses.
Der Ausblick des Projekts liegt daher weniger in einer formalen Weiterentwicklung des Gebäudetyps als in der Anwendung der zugrunde liegenden Prinzipien: der bewussten Gestaltung von Fügestellen, der Verlängerung von Nutzungszyklen ganzer Bauteile und der engen Verbindung von Forschung, Planung und Ausführung. In diesem Sinne versteht sich das Schutzhaus als Baustein einer fortlaufenden Entwicklung hin zu einer kreislauffähigen Baupraxis im Holzbau. Auf dieser Grundlage richtet sich der Blick über den Maßstab des Schutzhauses hinaus. Die im Projekt erprobten Tragwerks- und Fügestrategien sind nicht auf eingeschossige Sonderbauten beschränkt, sondern bilden eine konzeptionelle Basis für komplexere und größere Bauaufgaben. Insbesondere im mehrgeschossigen Holzbau – und damit im urbanen Kontext – gewinnen Fragen der Reversibilität, der Trennung von Tragwerk und Ausbau sowie der langfristigen Wiederverwendung ganzer Bauteile weiter an Bedeutung. Das Rotary Schutzhaus markiert damit keinen Endpunkt, sondern einen bewussten Zwischenschritt auf dem Weg zu einem kreislauffähigen, mehrgeschossigen Bauen mit Holz.
